Die beiden haben sich sehr gut versteckt. In den Brennnesseln. Da traut sich nicht jeder rein zu fassen. Ein Panicroom.
Ich habe die beiden nur durch Zufall entdeckt. Wer schaut denn auch so genau in so ein Unkraut.
Für mich ist das Spazierengehen immer auch eine Entdeckungstour. Die frische Luft, der Sonnenschein. Auch schon eine Achtsamkeitsübung.
Achtsamkeit ist der Moment in dem ich mich voll konzentriere. Auf Emotionen, eine Situation, einen Menschen. Ohne zu werten. Ich nehme die Dinge so an wie sie sind. Ich lasse alle Gedanken, Gefühle zu und beobachte, wie sie auf mich wirken. Egal ob positiv oder negativ. Ein bißchen esoterisch?
Letztendlich ist das nichts anderes, als sich für sich selbst Zeit zu nehmen. Die Dinge zu überdenken und sich über Positives oder Negatives im Leben klar zu werden. Und natürlich dann auch bewusst darüber zu sein, ob vielleicht eine Veränderung gut wäre.
Angst mich zu verbrennen hatte ich nicht. Die beiden Glücksbringer hätte ich noch ewig beobachten können. Die waren auch im Hier und Jetzt. Gestört habe ich die bestimmt nicht. Meine Anwesenheit haben sie nicht wahrgenommen. Völlig auf sich konzentriert.
Ich denke, ich brauche Euch nichts zu erzählen, über die Schönheit der Natur. Ein Ausflug, Spaziergang ist immer eine kleine Reise.
Im Moment ist ein ganz interessanter Kunstpreis ausgeschrieben. Jeder kann daran teil nehmen. Ob Profi oder Amateur.
Schon Goethe hat von der positiven Wirkung der Natur gewusst.
Das emsige Bienchen
Osterspaziergang
Kehre dich um, von diesen Höhen nach der Stadt zurückzusehen! Aus dem hohlen, finstern Tor dringt ein buntes Gewimmel hervor. Jeder sonnt sich heute so gern. Sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selber auferstanden. Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, aus Handwerks- und Gewerbesbanden, aus dem Druck von Giebeln und Dächern, aus der Strassen quetschender Enge, aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht sind sie alle ans Licht gebracht.
Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick. Im Tale grünet Hoffnungsglück. Der alte Winter in seiner Schwäche zog sich in rauhe Berge zurück. Von dorther sendet er, fliehend, nur ohnmächtige Schauer körnigen Eises in Streifen über die grünende Flur. Aber die Sonne duldet kein Weisses. Überall regt sich Bildung und Streben, alles will sie mit Farbe beleben. Doch an Blumen fehlts im Revier. Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Sieh nur, sieh, wie behend sich die Menge durch die Gärten und Felder zerschlägt, wie der Fluss in Breit und Länge so manchen lustigen Nachen bewegt, und, bis zum Sinken überladen, entfernt sich dieser letzte Kahn. Selbst von des Berges ferner Pfaden blinken uns farbige Kleider an. Ich höre schon des Dorfs Getümmel. Hier ist des Volkes wahrer Himmel. Zufrieden jauchzet gross und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!
(Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832, deutscher Dichter, Schriftsteller, Naturforscher)
aus: Faust. Der Tragödie erster Teil oder Faust 1, vor dem Tor, Osterspaziergang. Faust gilt als das bedeutendste und meistzitierte Werk der deutschen Literatur.
Was ist eigentlich Glück? Dinge und Ereignisse allein machen nicht glücklich. Mit Geld können wir es auch nicht kaufen. Vielmehr kommt es doch darauf an, wie wir das, was in unserem Leben geschieht, bewerten. Also eine Frage der Definition.
Im Moment lese ich Flow: The Psychology of Optimal Experience von Mihély Csikszentmihlyi, Psychologe. Im Fluss, so Mihély Csikszentmihlyi, sind die Menschen am glücklichsten. Dieser außergewöhnliche Bewusstseinszustand entsteht immer dann, wenn wir uns mit etwas beschäftigen, auf das wir uns voll konzentrieren und das uns mühelos von der Hand geht. In dem Augenblick der Flusserfahrung, blenden wir alles aus. Wir vergessen sogar die Zeit und emotionale Probleme. Nur noch das Dichten, Lesen, Schreiben , Handwerken, Fotografieren, die Imkerei, der Sport etc. steht im Mittelpunkt.
Habt Ihr denn schon eine transzendente Erfahrung beim Arbeiten gemacht? So ähnlich wird die Frage gewesen sein, die Mihély Csikszentmihlyi bei seinen Untersuchungen gestellt hat. Unabhängig von Alter und Geschlecht, egal welche ethnische, kulturelle und soziale Herkunft der Einzelne hatte; jeder konnte diese außergewöhnliche Sinneserfahrung machen. Sogar beim Lesen oder auf der Suche nach menschlicher Nähe haben einige Befragte dieses intensive Glücksgefühl wahr genommen. Und alle beschreiben diese Bewusstseinsveränderung, als einen besonderen Augenblick der Wachsamkeit, der Stärke. In dem sie alles unter Kontrolle haben und auch das Zeitgefühl verschwindet.
Früher habe ich Kendo und Jodo trainiert. Japanisches Schwertfechten und Stockkampf. Kampfarten, die mit Mentaler Stärke assoziiert werden. Ich bin in diesen Sportarten aufgegangen. Während dem Training war ich immer fokussiert auf die Ausführungen der Bewegungsabläufe, die Grund-/Kampftechniken, die Kata. Im Hier und Jetzt habe ich den Alltag völlig zur Seite geschoben. Kein Gedanke, niemand hat mich abgelenkt.
Ich habe auch nie nach rechts und links geschaut, nie gewertet oder geurteilt. Die Menschen und Dinge einfach so angenommen wie sie sind. Da waren auch keine Ängste, nicht über die Zukunft. Ebola, HIV, Schweinegrippe hatten für mich keine Bedeutung. Nie habe ich mich so sehr mit Krankheiten auseinandergesetzt wie jetzt mit Arthrose oder Covid-19.
Wegen der Arthrose in den Händen, kann ich kein Kendo und Jodo machen. Die Erschütterungen melden sich gleich mit Schmerzen. Und die Isolation ist im Moment auch nicht sehr gut für mich. Ich reflektiere viel. Altes kommt wieder zum Vorschein und fordert von mir Aufmerksamkeit. Zeit, viel Zeit geht dabei verloren. Und mein Arbeitsleben leidet dadrunter. Manchmal bleibt dann auch Wichtiges liegen. Und ich habe jetzt schon so viele Ideen, wie ich mit Arthrose besser leben kann. Denn die Gelenkzerstörung lässt sich nicht aufhalten. Dabei denke ich auch an meine Zukunft. Deshalb habe ich ganz viel recherchiert und die Papers warten darauf, gelesen zu werden. Wie soll ich das alles schaffen? In den sozialen Foren posten einige von Euch über die selben Probleme.
In unserem Alltag können wir uns nicht nur auf Eins konzentrieren. Multitasking, das Unmögliche, wird oft von uns verlangt. Gleichzeitig mehrere Dinge erledigen. Die Digitalisierung und damit die Informationsflut fordern eine sehr hohe, schnelle Aufnahmebereitschaft. Manchmal merke ich selbst, wie Chaos in meinem Kopf entsteht. Und dieses Gefühl mag ich gar nicht.
Spiegelungen …
In den Momenten, in denen ich etwas sehe und spontan meine Kamera nehme, Ideen entwickele und fotografiere, vergesse ich alles um mich herum. Die Zeit, den Alltag. Dann steht nur noch das Motiv in meinem Mittelpunkt. Negative Emotionen haben keinen Platz. Selbst Schmerzen spüre ich nicht. Sie werden verdrängt vom Ausprobieren, der Neugier, dem Neuen. Und wenn dann noch schöne, interessante Bilder entstehen, freue ich mich noch mehr. Selbst danach bin ich voller Energie, Tatendrang und habe positive Gefühle.
Das Chaos existiert nicht mehr. Ordnung entsteht in meinem Kopf, weil ich mich im Hier und Jetzt nur noch auf Eins konzentriere. Ich werde dadurch im Kopf frei und kann meine Energie einzig für das Fotografieren einsetzen. Selbst die Bewegungseinschränkungen meiner Hände sind verschwunden.
Von allein stellt sich Lebensfreude nicht ein. Wir müssen für das Glücklich sein etwas tun. Die Tätigkeit darf nicht über- aber auch nicht unterfordern. Der Einzelne sollte mit seinen Fähigkeiten und seiner Kreativität selbst gewählte Ziele erreichen können. Trotzdem darf die Aktivität ihn an seine Grenzen bringen. Freude kommt auf, auch wenn Schwieriges erledigt und gelöst wird. Durchhaltevermögen wird trainiert. Innere Harmonie entsteht während des Flow. Nichts stört. Wir haben die Kontrolle über diese speziellen positiven Augenblicke. Wichtige Erfahrungen, die unser Bewusstsein verändern werden und die wir für das Leben übernehmen können.
Mihély Csikszentmihlyi empfiehlt, solche positiven Erlebnisse im Alltag zu integrieren. Er schreibt, dass optimale Erfahrungen kultiviert und verteidigt werden müssen. Nur so könnten wir unsere Lebensqualität bestimmen. Sei es ein Hobby oder eine Tätigkeit, die uns Spaß macht. Sogar während der Arbeit kann der Fluss herbei geführt werden.
Mit dem Imkern wird Honig produziert. Nicht nur. Insektenphobien können sogar damit bewältigt werden. Imkerinnen erzählen von der Beutnerei in der Großstadt, dem Sozialwesen Biene und dem Beobachten. Und nicht immer steht dabei der Kommerz im Vordergrund.
F.A.Z. Metropol, Nr. 3, April/Mai 2020, Entspannende Emsigkeit, Imkerei als Hobby (metropol.de)
Der Weg ist das Ziel. Die Abhandlung von Mihaly Csikszentmihlyi erinnert mich an Kendo und Jodo. Zwei japanische Sportarten, bei denen die Schüler aufgefordert werden, an Wettkämpfen und Prüfungen teilzunehmen. Der Sieg und das Bestehen der Prüfungen stehen dabei nicht so sehr im Vordergrund. Vielmehr erkennt der Einzelne, welche Stärken und Schwächen er hat. Woran er noch arbeiten muss. Und auch bei optimalen Erfahrungen, wie Mihaly Csikszentmihlyi schreibt, ist Feedback wichtig.
Die Erkenntnisse von Mihaly Csikszentmihlyi werden schon längst in der Ergotherapie angewandt. Je mehr positive Erfahrungen wir machen, je mehr wir unsere Angst, Sorgen und Probleme vergessen, desto mehr können wir entspannen. Angenehmes erleben. Glück empfinden. Lebensfreude entwickeln. Wir müssen nur etwas finden, dass uns erfüllt und unserem Leben einen Sinn gibt. Der Flow, bestimmt auch ein Weg um Depressionen zu überwinden.
Gestern habe ich nochmal die Sonnenstrahlen genossen. Heute soll sich das Wetter ändern. Regen ist angesagt. Morgens war ich beim Aufstehen schon ein bisschen gerädert. Der Kaffee hatte mir auch nicht gut geschmeckt, irgendwie nach Verbranntem. Aber heute schmeckt er mir ganz gut. Ich habe mir sogar noch eine Tasse aufgebrüht.
Ich musste unbedingt in der Stadt einkaufen. Meine Vorräte waren aufgebraucht. Seit der Corona Krise gehe ich nicht mehr so gerne in Geschäfte und fahre ungern mit dem Bus. Die Maskenpflicht macht das alles auch nicht besser. Mir fällt das Atmen schwer und unangenehm warm ist es auch hinter dem Stoff. Ich bewege mich lieber im Freien.
Dann gehe ich lieber, habe ich mir spontan gesagt. Über den Lohrberg, an Apfelbaum Plantagen und Kleingartenanlagen entlang, bin ich in die Stadt gewandert. Die Bäume stehen jetzt in voller Blüte. Das schöne Wetter… Wer weiß, ob in den nächsten Tagen ein Spaziergang möglich ist.
Auf meinem Weg zur Stadt hatte ich Lust die Leica in meinem neuen Smartphone auszuprobieren. Damit zu fotografieren ist schon etwas anderes. Das Einstellen der Blende, der Schärfe, des Objektivs sind nur über Skalierung möglich. Eine Kamera liegt auch anders in der Hand. Da muss ich mich erst dran gewöhnen. Auf meinem Weg hatte ich sehr schnell ein paar interessante Motive gesehen und Ideen waren auch gleich da. Ich war bald so konzentriert auf das Fotografieren, dass ich noch nicht mal mehr auf Autos und andere Spaziergänger geachtet habe.
Nach dem Gehen, Laufen, Wandern fühle ich mich immer besonders gut. Gute Laune und positive Energie. Danach bin ich auch immer hoch motiviert und kann dann noch sehr viel mehr arbeiten. Wenn ich zurück blicke, zu den Zeiten als ich Kendo gemacht habe, war das auch so. Ich bin manchmal direkt nach einem stressigen Tag zum Training gefahren. Oder umgekehrt. Nach einem Wochenendseminar bin ich Sonntagmittag direkt danach zur Arbeit gegangen, 8 Stunden Arbeitszeit, 17 Stunden insgesamt in Bewegung und Arbeit.
Dabei soll ein zu Viel an körperlicher Betätigung gar nicht gut sein. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) empfiehlt in ihren Leitlinien zur Behandlung von unipolaren Depressionen körperliche Aktivitäten; strukturiert, geplant, mehrmals in der Woche. In den Leitlinien habe ich auch eine interessante Meta Analyse über das Spazieren gehen gefunden. Je länger wir zu Fuß unterwegs sind, 20 min. und länger, um so mehr stellen sich die positiven Effekte ein. Von einmal wird sich sicherlich nicht viel verändern. Erst wenn wir regelmäßig und über einen längeren Zeitraum gehen, wird die Stimmungsaufhellung intensiver.
Und auch die Sonne unterstützt die Bildung positiver Gefühle. Treffen Sonnenstrahlen auf die Netzhaut unserer Augen, wird in unserem Gehirn die Produktion von Serotonin, dem sogenannten Glückshormon, angeregt. Außer für gute Stimmung sorgt Serotonin für Gelassenheit, innere Ruhe und Zufriedenheit. Dagegen werden Aggressionen, Angstgefühle, Impulsivität, Kummer und Hunger gedämpft.
In der Abhandlung „Korrelation zwischen Sport und Depression“ von Marilisa Amarosi wird betont, wie wichtig für uns Outdoor Aktivitäten sind. Sporttreibende lernen automatisch diese positiven Effekte zu schätzen. Sie sind dadurch in der Lage abzuschalten, ihren Focus auf Positives und auch Kreatives zu lenken.
Wäre das nicht schön, einmal so wie das Kätzchen zu sein? Immer liebevolle Hände die einen streicheln. Der Futternapf ist immer gefüllt. Kommen und gehen, sich hinlegen und dösen, jederzeit. Ein guter Freund hat das einmal gesagt, beim Anblick seiner Katze. Er ist Projektleiter im Baugewerbe. Immer Termindruck, endlos viele Diskussionen/Streitereien mit Handwerkern und Baufirmen. Alles muss zügig fertig werden. Jeder Verzug kostet Geld. Seine Arbeit hat ihm schon ein Herzkammerflimmern eingebracht. Irgendwann hat er sogar einen besonders stressigen Job gekündigt, aus Angst vor weiteren Herzinfarkten.
Jeden Sommer fährt er ans französische Meer. An einen stillen Landstrich, an dem nicht so viele Touristen sind und trainiert Jodo. 4 Wochen bleibt er dort. Morgens in das Trainingscamp, mittags eine Ruhephase und dann wieder Training bis Abends. So einen Sporturlaub habe ich auch schon gemacht. Natürlich, beim Training vergesse ich alles um mich herum. Ich konzentriere mich auf die Kampftechniken und die Übungen. So dass ich an überhaupt nichts anderes denke. Nur im Hier und Jetzt bin ich dann. Am nächsten Morgen stehe ich gut gelaunt auf und spüre viel neue Energie in mir.
Während der Ausgangsbeschränkungen ist so etwas nicht möglich. Ich habe zwar ein kleines Fitnesscenter in meinem Wohnzimmer aufgebaut. Na Klar, nach meinen Übungen geht es mir gut. Der Körper hat “ Glückshormone “ gebildet. Aber ich kann während meines Trainings nie ganz abschalten. Irgendwie schaffen es bestimmte Quälgeister permanent aufzutauchen und mich abzulenken. Eigentlich, habe ich gedacht, waren sie doch schon längst verschwunden.
Mir ging es doch die ganze Zeit gut. Ich hatte keinerlei Schmerzen mehr. Und jetzt habe ich seit Ostern so ein unangenehmes Reißen im linken Daumen. Und ab und zu ein leichtes schmerzhaftes Pochen. Dabei kann ich doch jetzt meine Hand schonen, in der Isolation. Und bei der Ernährung habe ich doch auf alles geachtet. Sogar auf das Glas Wein am Abend verzichtet.
Ja ich gebe zu, das Süße kann ich nicht sein lassen. Irgendwie habe ich immer wieder gedacht: “ Komm, gönn Dir was in der schweren Krisenzeit.“ Kuchen, Törtchen, Pralinen, Schokoladen, Desserts. Bei ihrem Anblick kann ich ihnen nicht widerstehen. Und wenn ich erst mal einen zuckersüßen Bissen im Mund habe, kann ich nicht mehr aufhören. Selbst meine Bittertropfen können mir dann manchmal nicht helfen. Ich bin ein Zuckerjunkie.
Ich ärgere mich schon die ganze Zeit, dass ich nicht arbeiten kann wie immer. Denn während der Arbeitszeit bin ich voll konzentriert und denke auch nicht über Privates nach. Seit dem Shut down bin ich zu Hause. Normalerweise bin ich viel unterwegs und unternehme viel. Da habe ich gar nicht gemerkt, dass noch eine Parallelwelt in meiner Wohnung existiert. Diese viele freie Zeit, die mir zwangsverordnet wurde, kann ich gar nicht richtig genießen. Über viele Dinge denke ich nach. Wann wird diese Krise endlich vorbei sein. Wie wird es dann auch wirtschaftlich für uns weiter gehen. Überall wird nur mit Dunkelziffern gearbeitet. Deshalb ist eine Planung für die Zukunft nicht möglich. Nur das Abwarten bleibt uns. Ein Kontrollverlust.
Meine Nachbarin hat mich auf einen interessanten Gedanken gebracht. Sie hat im Radio gehört: Langeweile ist gut für den Menschen. Das hat sofort zwei Erinnerungen in mir geweckt. Einmal an das Buch Muße – Vom Glück des Nichtstuns von Ulrich Schnabel. Dieses Buch ist 2010 erschienen und heute noch genauso aktuell wie vor 10 Jahren. Die Digitalisierung, der Schonungslose Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen; das immer
schneller, immer effizienter, ob in der Wirtschaft oder bei uns selbst, lassen uns keine Zeit zur Ruhe zu kommen. Ständig stehen wir unter Druck und Stress. Unser Hirn kann nicht abschalten und neue Energie tanken. Was doch wichtig wäre für neue Ideen und unsere Kreativität.
Sogar jetzt während der Corona-Maßnahmen gelingt uns das Abschalten nicht. Wir denken immer nur an das Weiter. Wir meckern sogar, weil wir all die Ablenkungen, das Shopping, den Konsum, die Völlerei im Moment nicht voll ausschöpfen können. Dabei ist doch die Isolation im Moment auch ein Geschenk. Endlich zur Muße zu finden.
Das zweite ist eine Empfehlung eines Neurologen. Am Anfang meiner Schmerzen hat kein Arzt die Ursache erkannt. Dieser Arzt hat mir damals eigentlich die beste Empfehlung gegeben. Mir eine Auszeit zu nehmen. Er sagte mir auch, dass ich sehr pflichtbewusst wäre. Wie sollte ich das machen. Nicht arbeiten, bedeutet auch finanzielle Einbußen. Welcher Arbeitgeber macht so etwas mit?
Aber ein halbes Jahr später habe ich meinen Job gekündigt. Bereits zwei Monate später waren meine Schmerzen weg. Der Stress und die Belastung waren nicht mehr da. Und ich hatte endlich Zeit gefunden, Ärzte aufzusuchen und über Arthrose zu recherchieren. In dieser Zeit habe ich mich auch sehr viel mit Achtsamkeit, Entspannungstechniken, Übungen zu Gelassenheit, Meditation befasst. Und damals habe ich doch auch dieselben Quälgeister erlebt. Ich hatte sie mir genau angeschaut und entschieden, sie in ihre Parallelwelt zurück zu schicken. Ich habe auch genau gewusst, wie ich das schaffen konnte.
Ich hatte doch diese Studie gelesen und auch selbst über Schmerzen geschrieben. Ach ich weiß auch nicht. Im Alltag, bei der Arbeit war das alles wieder vergessen. Schlechte Gewohnheiten haben sich wieder eingeschlichen. Auch Ulrich Schnabel schreibt, dass wir doch eigentlich wissen, was für uns gut ist. Aber wir trotzdem nicht in der Lage sind, aus dem Hamsterrad raus zu gehen.
Und genau dieser Schritt ist wichtig. Häufig werden Schmerzen auch mit psychosozialen Faktoren, wie Angst, Depressionen, partnerschaftlichen Problemen, Stress, in Zusammenhang gebracht. In der multimodalen Therapie werden deshalb nicht nur Symptome behandelt, sondern Körper und Psyche als eine Einheit betrachtet.
Eine Menge an Unbewältigtem ist in mir. Eingeschlichen in meinen Alltag, zur Gewohnheit geworden. Jetzt habe ich Zeit. Nichts kann mich ablenken. Ich kann endlich inne halten und einen neuen Anlauf nehmen, Ruhe und Frieden in mein Leben zu bringen.
An Arthrose Erkrankte können auch unter Depressionen leiden. Aufgrund körperlicher Beeinträchtigungen, Dauerschmerz und vielleicht auch wegen Aussichtslosigkeit auf Heilungserfolge.
Depressionen – wie entstehen sie und was passiert im Gehirn.
Kurz nach meiner Diagnose habe ich mir Sorgen gemacht, wie sich bei mir die Arthrose entwickeln wird. Selbst alltägliche Dinge wie das Anziehen von Kleidung, das Spülen, Wäsche aufhängen etc.. verliefen nicht schmerzfrei. Da war dauernd ein unangenehmes Reißen in meiner Hand. Ein Pflegefall werden, das konnte ich mir nicht vorstellen.
Natürlich habe ich auch Angst gehabt, dass ich irgendwann nicht mehr arbeiten kann. Sorgen, dass ich dann auch einen sozialen Abstieg erlebe. Angst vor Altersarmut. Rhizarthrose wird bei mir nicht als Berufserkrankung anerkannt. Und auch heute mache ich mir über all das Gedanken. Was ist wenn…?
Dieses Grübeln nenne ich immer Kopfkino. Die Angst meine Hände falsch zu belasten und damit alles zu verschlimmern, habe ich in letzter Zeit öfter. Selbst beim Arbeiten. Dann höre ich in mich hinein. Ist da ein Schmerz? Nein es ist alles in Ordnung.
Mir geht es gut soweit. Ich lese immer wieder, hier in den Blogs, in Arthrose Gruppen bei Facebook, dass Betroffene auch an psychischen Vorerkrankungen leiden. Bei ihnen bleiben Behandlungserfolge aus. Schmerzen werden unerträglich und kein Medikament, keine Therapie hilft. Und einige von ihnen schreiben offen, dass sie an Depressionen erkrankt sind.
Ein Gruppenmitglied postete, dass Ärzte ihren Eltern prognostizierten, dass sie mit 50 im Rollstuhl sitzen würde. Da war sie 12. Sie ist heute 50 Jahre alt und kann laufen. Sie macht alles ohne darüber nachzudenken. Sonst wird man kirre im Kopf, sagt sie.
Und sie hat recht. Wenn ich arbeite, Sport treibe oder mit netten Menschen zusammen bin, werden meine Gedanken sehr schnell verdrängt. Dann kann ich meine Ängste und Sorgen vergessen.